Besuch im Rotlicht

Das Buch „Rotlicht“ von Nora Bossong bietet die Möglichkeit, eine Frau bei ihrer spannenden persönlichen Konfrontation mit dem Thema Prostitution zu begleiten. Was das Buch nicht leistet, ist eine konsequente Analyse des Themas.

Die Autorin: Nora Bossong ist 1982 in Bremen geboren, katholisches Professorenkind, zieht mit 8 Jahren nach Hamburg, ist mit 15 Jahren in North Carolina Austausschülerin bei einer republikanischen Familie, Abitur, Studium in Rom (Literatur und Philosophie).

Ihre Motivation: „Besuch der Welt, die viele als Parallelwelt wahrnehmen, die Welt der käuflichen Lust“.

Ihr Credo: Nora will‘s wissen! Nora Bossung ging es in erster Linie darum die Leute zu verstehen, „wer geht hin und wer ‚arbeitet‘ dort“ – wie sie sagt. Nora Bossong wollte sehen, wie die Realität ‚da draußen‘ ist – weil da eine Welt ist, die ihr als Frau eigentlich verschlossen ist: „Es gibt nach wie vor kaum Frauen, die Sex kaufen. Was macht das mit unserer Lust und mit unserem Begehren, wenn wir das in einem Kaufvorgang, der aber nur von einem Geschlecht zum anderen Geschlecht hin erfolgt, was macht das mit den Geschlechtern und dem Machtverhältnis zwischen ihnen?“  Der Ansatz, die Haltung und die Erwartung vor dem ersten direkten Besuch „im Feld“ war, ob es Sinn macht, dass es mehr solche Angebote für Frauen gibt. „(…) meine Überzeugung zu Beginn der Recherche: Wie einfach alles sein könnte, würde die käufliche Lust schlicht weiter liberalisiert, würde gleiches Recht für beide Geschlechter geschaffen“.
So stellt Frau Bossong viele Überlegungen an, wie Prostitution für Frauen als Käuferinnen sein müsste – „die Sexualität von Frauen funktioniert anders, langsamer (…) Frauen brauchen mehr Sicherheit etc“. Das sei der Grund, warum Frauen nicht als Käuferinnen auf Prostitution reagieren. Wie sie darauf kommt erklärt die Autorin nicht. Sie zielt auf Beobachtungen ab und nicht auf ein grundsätzliches Hinterfragen der Macht- und Geschlechterverhältnisse. Sie erhebt aber auch nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Publikation.                                   Die Autorin wirft die Frage auf, ob Sexualität in einem Kaufprozess ihre Würde behalten kann. Wir werfen die Frage auf, ob Sexualität per se über die Kategorie „Würde“ verfügt oder ob es nicht immer um die Würde der Protagonistinnen und Protagonisten geht. Sie war für Legalisierung, Liberalisierung, weil „das ist immer was Gutes“ – wie sie sagt. Frau Bossong selbst bezeichnet ihre primäre Haltung zum Feld der Sexindustrie/käuflichen Lust/Prostitution grundsätzlich als allgemein und libertär. Im Der Standard  wird sie offenbar auch deshalb wie folgt zitiert: „Ich halte Legalisierung für sinnvoller als ein Verbot, und unter Stigmatisierung leiden ja nur die schwächsten Glieder eine Kette.“ Sie räumt aber ein, dass sich diese Haltung während der Arbeit an ‚Rotlicht‘ teilweise gewandelt hat!

Ihre Methode: „Recherche ist immer eine Annäherung an ein Thema“. „Die Deutungshoheit darüber, was Lust und Begehren ist verteidigen Männer hartnäckig, also zog Nora Bossong los, um sich selbst ein Bild zu machen“ . Es geht in die „schmierigen Tiefen“ einer Table dance Bar, auf die Sexmesse – wo „Sex präsentiert wird wie ein Sanitärartikel“. Nora Bossung: „Wenn die romantische Liebe die womöglich letzte Utopie ist, auf die wir noch hoffen, dann ist diese VENUS-Show mit ihrer puren, von allem losgelösten Sexualität im Vergleich dazu so praktisch wie das Aufspannen eines Regenschirms, wenn man eigentlich lernen will zu fliegen.“  Ins Tantrastudio, in den Swingerclub, zum Straßenstrich, zu Verrichtungsboxen, in Laufhäuser und Saunaclubs und in Wohnungsbordelle. Der Markt ist weit verbreitet und gut etabliert.

Ihr Wunsch: Das ‚Rotlicht‘ ist ein Tabu. Man möchte nicht hin sehen, als ob es nichts mit uns zu tun hätte… Bossong: „Diese Frauen haben etwas mit uns zu tun! Wie man diese Frauen behandelt, legt sich auch in der gesamten Gesellschaft und dem Geschlechterverhältnis um!“

Ihr Fazit: „ Es ist Hip, zwischen Prostitution und Sexualität nicht zu unterscheiden, sagte mir Huschke Mau am Telefon. Wir bekommen Sachen als befreiend verkauft, die es de facto nicht sind (…) Mit ähnlichen Vorstellungen habe ich auch meine Recherche begonnen als eine mir reizvoll erscheinende Erkundung der Libertinage, vielleicht sogar, um mich selbst als hip und freizügig zu profilieren, und natürlich, weil mir etwas nicht stimmig schien…Doch je weiter ich ging, je mehr Menschen ich traf und sprach, desto mehr verging mir das Lachen.“

Unser Fazit: „Rotlicht“ von Nora Bossong lässt uns teilhaben an der persönlichen Recherche einer jungen Frau in dem, was sie – als für ihre Recherche – relevantes Terrain erachtet. Wir können die Autorin begleiten bei ihrer persönlichen Konfrontation zwischen einem – für sie vorerst – hippen Marktmythos mit einigen Ungerechtigkeiten, aber auch bei ihren konsequent an der Würde des Menschen orientierten Reaktionen ihrer Recherche. Anders als zu Beginn gedacht, wird sie gezwungen sich auf Dimensionen wie Herkunft, Armut und Klasse einzulassen. Das Buch bietet die Möglichkeit eine Frau bei ihrer spannenden persönlichen Konfrontation zu begleiten. Das führt wohl dazu, dass es in der Rezension der Süddeutschen Zeitung (23.2.17) als „Hybrid zwischen Essay und Reportage“ bezeichnet wird. Was das Buch nicht leistet, ist eine konsequente Analyse des Themas! Wer Erkenntnisse und Analyse erwartet, liest hier vergeblich. Wer den Konflikt zwischen liberalen Ansätzen und Konfrontation mit Lebensrealität erspüren und miterleben will, der und die sind hier genau richtig.

5/2017 BHM

Nora Bossong „Rotlicht“, Carl Hanser Verlag München 2017