So schmeckt Menschenhandel?

Der fastfood-Produzent McDonalds ästhetisiert und romantisiert in seiner Fernsehwerbung Il Padrone die Mafia und kokettiert mit Anspielungen auf Frauenhandel.

„Hallo, Stefano!“

Dunkelgekleideter, junger Mann am Telefon. Ein Türsteher dreht sich um. Die Hand eines anderen Mannes – offensichtlich der Boss –  ist zu sehen, dicker Goldring am Finger.

„Wird gedealt in unserem Viertel.“

„Und die Ware ist gut?“

Die Hand des Bosses ballt sich zu einer Faust. Der Goldring eignet sich als Schlagring. Musik kündet Gefahr, dunkler Raum.

„Und ist … heiß.“

Der Boss übernimmt das Telefon und fragt nach dem Preis

„Zwei – Nur zwei Euro?“

Der Boss schlägt dabei mit der Faust auf den Tisch, Türsteher und dunkelgekleideter Mann drehen sich erschrocken um und schauen zur Tür. […]

„Bring sie, sofort!“

Szenenwechsel: Im McDonalds Restaurant isst junger Mann – offensichtlich Stefano – einen Burger, am Tisch liegt ein Handy. Schnitt: Junger Mann bei Boss. Boss isst einen Burger, dreht sich zu Stefano: „Wenn Du Mama davon erzählst, schläfst Du bei den Fischen.“

Mit diesem launigen Schluss – eine implizite Morddrohung – endet die McDonalds TV Werbung „Il Padrone“.

Verwendete Originalsprache: Italienisch. Aufrufe auf youtube: über 660 000. https://www.youtube.com/watch?v=eX6t7giVckg

McDonalds wirbt mit eindeutigen Assoziationen: Drogenhandel – Frauenhandel – Mafia.

Wie lustig die Mafia wirklich ist, lässt sich anhand einiger Beispiele darlegen:

Rita Atria: Die Tochter eines sizilianischen Mafiosis entschließt sich Anfang der 1990er Jahre, bei der Anti-Mafia-Behörde als Informantin auszusagen, nachdem ihr Vater und ihr Bruder von Killern hingerichtet wurden. Der Staatsanwalt Paolo Borsellino stellt sich gegen die Mafia, wird für all jene, die gegen die Mafia aussagen, zum Hoffnungsgeber. Im Juli 1992 wird er ermordet, zwei Monate nachdem der Richter Giovanni Falcone in die Luft gesprengt worden war. „Jetzt ist niemand mehr da, der mich beschützt, ich habe den Mut verloren, ich kann nicht mehr“ lautet die letzte Nachricht von Rita Atria. Sie, gerade 17 Jahre alt geworden, springt aus dem 7. Stock. (Buch der Sizilianerin Sandra Rizza „Ein Mädchen gegen die Mafia“ auf Basis von Prozeßunterlagen, Zeugenaussagen, Gesprächen, Recherchen vor Ort und Ritas Tagebuch.)

Roberto Saviano: Der italienische Journalist veröffentlicht 2006 sein Buch „Gomorrha“ über das Organisierte Verbrechen in Neapel, für das er jahrelang verdeckt als Hafenarbeiter gearbeitet hat. Seither lebt Saviano unter Polizeischutz, muss alle zwei Tage den Aufenthaltsort wechseln, auch seine Familie lebt versteckt. Fluglinien weigern sich, Saviano zu befördern. Saviano im Interview in der ZEIT, 29.10.2015: „Die Camorra von heute ist noch viel gefährlicher als die aus dem Jahr 2006.“ Neapel erlebt 2015 den Krieg der Babymafiosi, Burschen, die bei ihren Revierkämpfen wahllos um sich schießen.

Lydia Cacho Ribeiro, mexikanische Journalistin: Flieht 2012 ins Ausland, nachdem ihr schon vier Jahre zuvor die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen zur Flucht und zur Beantragung politischen Asyls geraten hat. Sie hatte einen Päderastenring aufgedeckt (Buch: Die Dämonen des Paradieses), eine Einrichtung für Kinder und Frauen gegründet, die der Prostitution entfliehen konnten, über den Handel mit Minderjährigen und Frauen aus Kuba, Argentinien, der Türkei, Israel, Japan, Kambodscha recherchiert (Buch: Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel). Sie war bedroht, entführt, scheinhingerichtet worden. Sie gilt als die mutigste Journalistin Mexikos, in einem Land, in dem täglich  Menschen, die sich dem Gesetz des Schweigens nicht beugen, ermordet werden.

Petra Reski: Deutsche Journalistin, lebt seit 1991 in Italien, enthüllte 2008 und 2010 in ihren Büchern, wie gut sich die Mafia in Deutschland seit 40 Jahren einrichten konnte und die Politik diese Tatsache ignoriert. Von ihr genannte Unternehmer klagten sie. Sie verlor die Prozesse, wiewohl Ermittlungsakten deutscher und italienischer Staatsanwälte ihre Behauptungen belegen, die betreffenden Bücher konnten nur mehr mit Schwärzungen erscheinen. Reski wurde mehrfach öffentlich bedroht, sowohl bei ihrer Lesung als auch im Gerichtssaal. Reski kritisiert die Verniedlichung der Mafia: „Weil die Mafia ihre Existenz nicht mehr bestreiten kann, versucht sie sich zur Folklore zu verklären: eine Geheimgesellschaft, die in ihren Verstecken singt und tanzt.“

Überall dort, wo sich die Mafia ausbreitet, wird die Demokratie angegriffen, werden JournalistInnen bedroht, ZeugInnen ermordet, Wahlen beeinflusst, steigt die Gewalt.

Die Romantisierung und Verherrlichung von Tätern, die Ästhetisierung von Gewalt, die Verhöhnung der Opfer – kurzum von Zivilisation, Demokratie, Solidarität und Rechtsstaat – ist in Ländern wie Deutschland und Österreich ein altes Erbe: Sie war unter den Nazis sozusagen Staatsreligion. Seit etlichen Jahren ist sie auf internationalem politischem Parkett wieder en vogue: Trump, Orbán, Putin und ausnahmslos alle Rechtsaußen-Parteien schwimmen im gleichen Strom. Cool ist es, ein Täter zu sein.

Es ist unbestritten, dass in einem undemokratischen, gewalttätigen Umfeld bestimmte Konzerne gut gedeihen können (so sie Schutzgeld zahlen). Die Militärdiktatur Argentiniens und der internationale Konzern Mercedes haben sich seinerzeit sehr gut vertragen. Es ist durchaus möglich, dass McDonalds auf die Konsumentengruppe Babymafiosi abzielt. Nichts spricht dagegen, dass junge Burschen, die vorher einen Mord begangen oder einen Menschen zusammengeschlagen haben – oder bloß mit ihren Handys danebengestanden sind -, sich hinterher mit einem Burger zu einem Preis von zwei Euro in jugendlich geselliger Runde treffen.

McDonalds verpflichtet sich in seinem Verhaltenskodex zu „Good Food – Good People – Good Neigbor“, zu „Balance zwischen Mensch, Umwelt und geschäftlichem Erfolg“, zum Angebot von „Restauranterlebnissen, das unseren verantwortungsvollen Umgang mit Mensch und Umwelt einschließt“ (https://www.mcdonalds.de/uber-uns/mission-werte).

Spendenboxen in den Mc Donald’s Filialen rufen alle, die auf einen Burger zu Mc Donalds eilen oder es sich – feeling good – mit ihren Kleinen beim Kindergeburtstag gemütlich machen, zur Hilfe auf: Die Mc Donald’s Kinderhilfe Stiftung hilft schwer kranken und bedürftigen Kindern. Nähe hilft heilen.

Frage an Mc Donalds:

Wie lässt sich der Verhaltenskodex und die Mc Donald’s Kinderhilfe mit „Il Padrone“ vereinbaren?

Sind Drogenhandel, Frauen- und Mädchenhandel („heiße Ware“), die Verniedlichung von Tätern, Mittätern, Mitläufern, Mitwissern ein passendes Werbesujet, ist Morddrohung „bei den Fischen schlafen“) ein Witz?

Ist es unerheblich, dass die Mafia realen Menschen ihr reales Leben kostet?

Da vergeht einem der Appetit.