Covid 19: Frauen in der Prostitution dürfen nicht im Stich gelassen werden

Prostituierte trifft es zur Zeit sehr hart. Viele sind durch das Covid19- Bordellverbot in eine prekäre Situation geraten. Ihr „Arbeitsbett“, das oft auch Schlafstätte ist, gibt es nicht mehr. Die Grenzen in Ihre Heimat sind dicht. Die Frauen stehen buchstäblich auf der Straße. Fürs nackte Überleben müssen sie sich weiter prostituieren. Unter Bedingungen die sich niemand vorstellen mag. Manche leihen sich Geld bei ihren Ausbeutern und geraten in noch tiefere Abhängigkeiten. Das ganze Elend des Systems Prostitution kommt nun verstärkt ans Tageslicht. Der Normalisierungsdiskurs „Sexarbeit ist Arbeit“ und das Gerede von der „selbstbestimmten, selbstermächtigten Sexarbeiterin“ muten nun noch zynischer und absurder an. Es ist Zeit den Frauen ernsthaft zu helfen, und zwar raus aus einem Leben der sexuellen Leibeigenschaft. Deshalb haben wir an die Bundesregierung folgenden Brief geschrieben.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Raab!

Sehr geehrter Herr Bundesminister Anschober!

Wir begrüßen die Schließung der Prostitutionsstätten, die nach anfänglichem Zögern umgesetzt wurden. Frauen in der Prostitution sind Teil der Risikogruppe: Sie sind häufig in einem schlechten bis sehr schlechten Gesundheitszustand, bedingt durch Gewalt, chronischem Stress, täglichen Übergriffen von Seiten der Freier und Zuhälter, PTSD, Mangelernährung, nicht zuletzt Vitamin D Mangel aufgrund des Mangels an Tageslicht.

Sexkäufer sind auch Überträger des Corona-Virus. Ein Großteil der Freier ist in Beziehung, verheiratet und/oder hat Kinder.

Bitte stellen Sie daher sicher, dass Prostitutionsstätten trotz Covid19-Einschränkungen laufend kontrolliert und BordellbetreiberInnen in die Pflicht genommen werden.

Laut einem Bericht im KURIER (Illegale Prostitution trotz der Ausgangssperre, 30.3.2020) treffen Strafen auch Frauen in der Prostitution, es drohen ihnen Geldstrafen von bis zu 7.000 Euro (!). Freier dagegen werden bloß nach dem Covid-19-Maßnahmengesetz bestraft, der Strafrahmen reicht bis zu 3.600 Euro.

Warum werden die Frauen in der Prostitution bestraft? Warum werden sie sogar härter bestraft als die Sexkäufer?

Wo sollen diese Frauen hin? Wo können sie wohnen? Wer hat ihre Papiere? Wie steht es um ihre Kinder?

Wir von der österreichweiten Plattform Initiative Stopp Sexkauf fordern die Umsetzung des „Nordischen Modells“, da dieses all das beinhaltet, was die Frauen in der Prostitution jetzt brauchen würden, nämlich Unterstützung und keine Strafen. 

  • Stellen Sie sicher, dass Strafen aufgrund des Covid-19-Maßnahmengesetzes nicht die Frauen, sondern die Freier und BordellbetreiberInnen treffen. 
  • Veranlassen Sie einen sofortigen und umfassenden Ausbau von Schutzwohnungen und Ausstiegsmöglichkeiten, wie sie etwa die Vereine Solwodi und KAVOD anbieten.
  • Schaffen Sie Wohnmöglichkeiten für Frauen in Prostitution. Frauen brauchen die Möglichkeit einer Unterkunft AUSSERHALB der Prostitutionsstätten. Jene Hilfsmaßnahmen, die auch für von Männergewalt in Beziehungen betroffene Frauen vorgesehen sind, müssen auch Frauen in Prostitution umfassen: Leerstehende Hotels und Beherbergungsbetriebe müssen Frauen in Prostitution offen stehen. Dieses Angebot muss kostenlos sein. Frauen in Prostitution sind in der Regel verschuldet. Stellen Sie dabei sicher, dass sich diese Hotels nicht in der Nähe von Quartieren befinden, die für weggewiesene Gewalttäter gefordert wurden, denn sehr häufig geht physische Gewalt mit sexualisierter Gewalt einher.
  • Stellen Sie sicher, dass Hilfsgelder ausschließlich an Frauen in Prostitution fließen und keinesfalls an BordellbetreiberInnen! Es ist davon auszugehen, dass sich letztere nicht scheuen werden, öffentliche Gelder in Anspruch zu nehmen.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin, sehr geehrter Herr Bundesminister!

Der Staat hat eine Fürsorgepflicht gegenüber ALLEN Menschen. Wir rufen Sie dringend dazu auf, dieser Fürsorgepflicht nachzukommen. 

 Die Corona-Krise zeigt ganz deutlich, dass Frauen in Prostitution das letzte Glied in der Kette sind. Umso wichtiger wäre es auch in Österreich, das „Nordische Modell“ einzuführen. So wie es Schweden, Norwegen, Island, Irland, Kanada, Frankreich, Israel bereits getan haben und es das Europäische Parlament und der Europarat seit 2014 allen Mitgliedsländern empfehlen. Denn zu den wichtigsten Säulen dieses Modells gehören finanzielle Um- und Ausstiegshilfen für Frauen in der Prostitution. 

Wir ersuchen Sie endlich diesen entscheidenden Schritt zu gehen, eingedenk der Forderung der indischen Selbsthilfeorganisation Apne Aap Women Worldwide: THE LAST GIRL FIRST!

Hochachtungsvoll

Initiative STOPP SEXKAUF