Ich habe nie für mich selbst gearbeitet

Interview mit einer ehemaligen Prostituierten die mit 17 Jahren auf den Strich geschickt wurde und mit 31 den Ausstieg schaffte.                                                                                         

„Ich wurde in ein Land geboren, wo die Arbeitslosigkeit und Geldprobleme an der Tagesordnung war. Dort war jeden Tag ein Überleben. Ich bin seit über zehn Jahre weg von dem Land wo keine will mich haben“. So beginnt Viktoria einen Aufsatz den sie im Rahmen eines AMS-Computer-Kurses vor einem dreiviertel Jahr geschrieben hat. ‚Viktoria‘ ist das Pseudonym, das sich die heute 36 jährige gebürtige Bulgarin gegeben hat, weil Viktoria ‚die Siegerin‘ bedeutet. Und Viktoria hat gesiegt: Mit 17 Jahren wurde sie auf den Strich geschickt und mit 31 schaffte sie den Ausstieg – mit Nichts, ohne ein Dach über den Kopf, ohne die Aussicht auf einen Job. Sie wollte nicht, wie viele andere, kaputt gehen. Im Nachhinein betrachtet waren die Jahre die sie auf der Straße, in stickigen Zimmern, in Bars und Kellerlokalen verbrachte, nicht nur schlimm. Es gab auch gute Zeiten und Erlebnisse über die sie inzwischen lachen kann – oder es zumindest versucht. Dennoch würde sie nie mehr wieder als Prostituierte arbeiten. „Auch in der größten Not nicht. Das wäre mein Tod“ sagt sie. Nach ihrem Ausstieg arbeitete Viktoria ein Jahr lang bei einer Reinigungsfirma. Danach war sie in unterschiedlichen AMS-Maßnahmen, hat vor einem Jahr den Hauptschulabschluss nachgeholt und arbeitet gerade wieder im Rahmen eines Langzeit-Arbeitslosenprojekts. Ganz verarbeitet hat Viktoria jene 14 Jahre die sie als Prostituierte gearbeitet hat, noch immer nicht: Sie hat depressive Phasen und die Nähe zu Menschen hält sie nur schwer aus. Im Alter von acht Jahren wurde sie erstmals sexuell missbraucht.

Meine Kindheit war ein Horror. Ich wurde geschlagen, in Heime geschickt, aber dort war es besser als zu Hause. Ich war acht Jahre alt, als ich von einem Nachbarn vergewaltigt wurde; der hat mich nach der Schule zu sich eingeladen und den sexuellen Akt mit mir gemacht. Das war meine erste sexuelle Erfahrung. Die nächste war in dem Haus wo wir gewohnt haben, da lebte ein junger Mann der mich in den 6. Stock mitgenommen hat und ich musste ihm die Genitalien massieren. Und dann haben die Jugendlichen mit mir rumgemacht, da war ich zwölf, dreizehn. Auch im Heim, da gab’s einen 45jährigen Lehrer, er hat auch Sexualakte gemacht. Ich war fünfzehn. Natürlich habe ich die Beziehung akzeptiert. In solchen Heimen muss man ab und zu solche Sachen machen, um zu überleben.

Im Heim war es besser, zu Hause war der Horror. Meine Mutter hat mich geschlagen. Einfach so: nach Lust und Laune. Der Vater war Alkoholiker. Er ist schon gestorben. Meine Mutter war überfordert, sie ließ den ganzen Frust an mir aus.

Ich weiß nicht, ob mich meine Mutter verkauft oder einfach weiter gegeben hat. Ich war noch keine 17 als ein Bulgare und eine junge Bulgarin bei uns daheim auftauchten. Der Name vom Mann war S. Ich sollte mit S. und dem anderen Mädchen – ihren Namen habe ich vergessen – nach Deutschland fahren, um als ‚Kellnerin‘ zu arbeiten. Ich habe gleich gewusst, dass mit denen was nicht stimmt. Mich wunderte, wie ein Mädchen, das kein Deutsch spricht, als ‚Kellnerin‘ arbeiten kann. Ich war mit S. und meiner Mutter am Amt wegen dem Reisepass, denn unter 17 darf man nicht allein verreisen.

Zuerst sind wir nach Polen gefahren, dort haben wir ein bisschen gearbeitet, bei einer Tankstelle mit Hotel. Das war nur einige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Wir waren dort eingesperrt, weil wir uns wegen der Polizei nicht draußen zeigen durften.

Wir haben dann eine Schleuse nach Deutschland gefunden und fanden Unterkunft bei einem Türken, der kaufte und verkaufte Kleider und Schuhe für die Bazare. Der war alt, wirklich alt: Ungefähr 70. Ich war 17. Das war wirklich eklig. Ich musste mit ihm schlafen, damit wir ein Dach übern Kopf hatten. Dafür hatte ich Privilegien, konnte im Haus schlafen, bei ihm im oberen Stock. Da war es wenigstens warm. S. und das andere Mädchen mussten unten schlafen, auf einer Matratze. Da war es kalt.

Der Türke bestellte Kunden in die Dachwohnung. Nach einer Zeit wurde es brenzlig, wegen der Polizei. S. wollte mich und das andere Mädchen wieder nach Polen zurück schicken. Da bekam ich Angst. Denn ich weiß von bulgarische Mädchen, die von Polen nie wieder zurückgekehrt sind, oder sie waren total verbraucht, total kaputt. Die waren keine Menschen mehr. Da gab’s welche, die wurden von Zuhälter zu Zuhälter verkauft, immer bevor sie ihre Schulden abgedient hatten, wurden sie weiter verkauft, bis zum letzten Zuhälter, der sie umbrachte oder – weil sie ‚wertlos‘ waren –wieder nach Bulgarien zurückschickte. Vor so etwas habe ich große Angst gehabt.

Im Winter 1996 durchquerten S. und die zwei jungen Frauen schwimmend einen Fluss weil S. glaubte, dass am anderen Ufer Polen liege. Stattdessen wurden sie von deutschen Polizisten empfangen. Weil Viktorias Kollegin auf der Brust schwere Blutergüsse aufwies, schöpfte die Polizei Verdacht. Sie bot den Frauen Straffreiheit an, wenn sie über die Hintergründe der Flucht erzählten. Viktoria packte aus. Ihr Zuhälter kam für fünf Jahre ins Gefängnis. Die beiden jungen Frauen wurden zu ihren Eltern nach Bulgarien abgeschoben. Doch Viktorias Mutter wollte nichts von ihrer Tochter wissen; sie wies sie vor die Tür. Viktoria schlief fortan im Park, auf der Straße und unter der Brücke. Bis sich ein Mann ihrer annahm.

Dieser Mann wirkte sympathisch, erzählte, dass er selbst eine Tochter habe, die aber bei der Mutter lebe. Er hat mich von der Straße mitgenommen. Dann aber hat er mich geschlagen und in eine Bar gebracht, in eine Diskothek. Er hat mich anderen Männern gegeben mit denen ich schlafen musste. Um auszuruhen, musste ich in der Küche schlafen, hatte nicht einmal eine Decke, keinen Polster, gar nix. Bin dann auf einer Eckbank gelegen und habe mich mit einem Handtuch zugedeckt.

Er wollte mich an einen Bekannten weiter verkaufen. Der hat mich aber nicht gewollt, weil ich ein ‚einfaches Mädchen’ ohne Familie war. Kein Zuhälter will Mädchen ohne Familie, ohne Kinder, denn dann können sie es nicht unter Druck setzen. Zu dem Zeitpunkt war ich 18, 19 Jahre alt. In Ruse an der bulgarisch-rumänischen Grenze hat er mich dann an jemanden von einer Autobahntankstelle verkauft. Ich weiß nicht, was ich ‚wert’ war, denn ich war bei den Preisverhandlungen nie dabei. Ich selbst habe nie was bekommen. Ich habe nur für Unterkunft und fürs Essen gearbeitet. Fürs nackte Überleben.

1998 hat es Viktoria geschafft, sich von ihrem Zuhälter ‘frei‘ zu kaufen. Für gewöhnlich werden die Frauen knapp bevor sie ihre Schulden ‚abbezahlt‘ hatten, weiter verkauft, um gleich wieder in der Schuld des nächsten Zuhälters zu stehen. Damit sie diesem Teufelskreis entkommt, hat sie das Geld fürs Essen ihren Kunden abgebettelt. Als ‚Freie‘ fuhr sie nach Sofia wo sie in Diskotheken als Tänzerin anheuerte.

In den Diskotheken habe ich fast nichts verdient. Ich konnte mir keine Unterkunft leisten. Bin daher jeden Morgen nach der Arbeit in das Café nebenan gegangen und habe mit einer Schale Tee oder Kaffee in der Hand auf einem Stuhl geschlafen. Wenn der Besitzer gutmütig war, durfte ich in der Diskothek auf zwei zusammen geschobenen Stühlen schlafen.

Irgendwann bin ich mit meinen letzten fünf Leu nach Warna ans Schwarze Meer gefahren, weil ich in einem Inserat gelesen habe, dass sie dort Mädchen als Tänzerinnen suchten. Da habe ich eine ganze Woche nur Brot mit mariniertem Fisch gegessen. Konnte mir nichts anderes leisten. Hatte auch keine Schuhe, nur welche mit Löchern. Bei Regen war ich klitschnass. Nach einer Woche habe ich mir Schuhe und Gewand gekauft. Dann war die Situation besser, aber nicht so toll, denn ich musste in Warna auch als Prostituierte arbeiten. Manchmal zahlte der Kunde für eine ganze Stunde oder für eine ganze Nacht. Das bedeutete, dass ich entweder zu ihm nach Hause oder ins Hotel musste. Das war immer ein Risiko. Zum Beispiel haben einmal zwei Männer für mich und ein anderes Mädchen bezahlt. Aber als wir dann in die Wohnung gekommen sind, haben nicht zwei sondern fünf Männer auf uns gewartet. Wir trauten uns nicht, was dagegen zu machen. Denn jeder hat gesagt, er habe bezahlt. Dann haben es alle Fünf mit uns gemacht.

Danach bin ich nach Sofia gegangen in eine Peep Show. Da wurde Striptease getanzt, splitternackt. Da Gute war: Ich musste nicht mit Männern schlafen. Das war auch deshalb eine gute Zeit, denn ich hatte ein Dach überm Kopf, weil ich habe im Hotel geschlafen, das dem Bruder des Peep-Show Besitzers gehörte. Geld habe ich auch verdient. Wenn Soldaten gekommen sind, haben sie immer auf ‘Extras‘ wie einen Quickie nachher gehofft, weil viele Mädchen das machen. Bei mir hat das auch einer versucht, und hat fünf Mal hintereinander bezahlt, in der Hoffnung, dass er irgendwann mehr bekommt. Hat er aber nicht!

Nach etwa neun Monaten kam eine junge Frau in Begleitung von zwei Männern aus Albanien auf Viktoria zu und fragte ob sie nicht als Tänzerin in einer Bar in Pristina im Kosovo arbeiten möchte. Da gäbe es viel Geld zu verdienen.

Auch in Pristina haben wir nicht nur als Tänzerin gearbeitet. Wir wurden auch abgeholt für Hotel- und Hausbesuche. Einmal passierte Folgendes: Es sind zwei rumänische Mädchen bei uns aufgetaucht. Als ich die gesehen habe, war für mich klar, dass sie schwer misshandelt worden waren. Sie hatten frische Narben und Blutergüsse und waren starr und verängstigt. Sie haben kein Wort mit uns gesprochen. Und so schnell sie gekommen sind, so schnell waren sie wieder weg. Da habe ich Panik bekommen und habe zu meiner Kollegin gesagt, egal welche Streiterei wir jetzt gerade haben, vergessen wir das, wir müssen hier weg. Das war wirklich ‚schiach’. Wir sind zur Polizei gegangen, zum Glück war das ein UNO-Polizeirevier. Die Albaner hätten uns wieder zurückgeschickt, denn die waren schwer korrupt. Bei den UNO-Polizisten war einer dabei, der mich gekannt hat – von der Bar. Weil noch alle unsere Papiere in der Bar waren, machte ich eine Skizze davon. Die Polizei hat unsere Pässe geholt und uns zu einer Organisation für Menschenrechte gebracht, und die uns wieder nach Bulgarien.

In Bulgarien ging dann wieder alles von vorne los. Von Stadt zu Stadt, von Strand zu Strand, wieder nur für das Überleben. Bis ich wieder an einen Mann geraten bin. Der war aber nett, denn der hat mich von einem anderen – alten – Mann gekauft, der bekannt dafür war, dass er Mädchen an Kunden vermittelte, die gewalttätig waren.

1999 wurde Viktoria von zwei Männern aus Bulgarien das erste Mal nach Wien vermittelt. Die beiden Männer schickten sie gemeinsam mit einer anderen Bulgarin zuerst in eine Bar im 15. Bezirk. Weil sich Viktoria weigerte „Blasen ohne Gummi zu machen“, wurde sie entlassen. Ihre nächste Station war eine Bar am Gürtel in der auch Österreicherinnen arbeiteten.

Von den Österreicherinnen habe ich viel gelernt. Sie haben mir erklärt, dass ich gewisse Sachen nicht machen soll: Zum Beispiel ohne Gummi, keine Extrasachen – auch für jede einzelne Stellung muss man lernen Geld zu verlangen. Stellung-Wechsel kostet auch extra. Die haben mir beigebracht, dass ich entscheiden kann was ich mache und was nicht. Das war gut – einerseits. Andererseits wollten aber meine bulgarischen Zuhälter Geld sehen.

Viktoria lebte mit ihren Zuhältern unter einem Dach. Sie nahmen nicht nur ihr Geld, sie musste auch mit ihnen schlafen. Natürlich gratis. In dieser Zeit hat Viktoria B. kennen gelernt. Er war der Besitzer jener Bar am Gürtel in der sie arbeitete. B. übernahm Viktoria von den bulgarischen Zuhältern. Sie wurde seine Geliebte. 2002 heiratete er sie, damit sie ein gültiges Visum bekam.

Er war natürlich nicht nur mein Mann, er war auch mein Zuhälter. Natürlich, wenn ich heim gekommen bin, musste ich das Geld auf den Tisch legen. Aber ich habe Urlaub, Reisen und Gewand gehabt; Wie bei einem Ehepaar: Ich gebe dir was, aber du gibst mir auch was. Ich habe gut gelebt bei ihm. Ich habe für ihn auf der Straße und im Puff gearbeitet. Unter Tags war ich im Puff und abends war ich auf dem Strich. Ich arbeitete sechs Tage in der Woche. Einen Tag hatte ich frei. Das ist die ganz normale Arbeitszeit. Abends habe ich von 21 Uhr bis 4 Uhr morgens gearbeitet, unter Tags von 10 bis 20 Uhr. Aber das war nicht so schlimm. Denn im Puff war es wie in einer ‚Wohnung‘. Da konntest lesen, zwischendurch schlafen, nur musstest du sofort hochspringen, wenn das Telefon klingelte.

Viktoria hat die Wiener Jahre in der Prostitution halbwegs gut überstanden. Ohne Drogen, ohne Alkohol ohne allzu schwere Körperverletzungen. Sie hat Methoden entwickelt, die ihr das Arbeiten erträglicher machten.

Manchmal, wenn ich Blasen oder Ficken musste, habe ich mir vorgesagt: „40 Euro, 40 Euro, 40 Euro….“. Es gab auch genug Momente wo ich fast kotzte. Oft genügte, wenn sie die Socken ausgezogen haben, und das vielleicht auch noch in einem Zimmer ohne Fenster. Oh mein Gott, das war arg! (lacht). Seit dem muss ich mich täglich mindestens zwei Mal duschen. Sex ohne vorher Duschen geht gar nicht mehr.

Richtige Verletzungen hatte ich keine großen. Außer, dass mich einmal jemand in die Schulter gebissen hat, es ging ums Geld. Die Narbe habe ich noch. Vielleicht lasse ich mir ein Tattoo drüber machen. Andererseits ist es auch eine wichtige Erinnerung, sicher keine gute.

Ich war oft wund, das konnte ziemlich wehtun. Einige Frauen benutzen viel Gel, ich habe versucht durch viel, viel Reden den Mann abzulenken damit er mich nicht fickt. Oder ich habe mich so gedreht, dass es weniger wehgetan hat.

Wenn du mich fragst, wie oft ich vergewaltigt wurde: Um ehrlich zu sein, wenn du mit einem aufs Zimmer gehst ist das immer eine Vergewaltigung. Du fühlst dich zumindest so. Du fühlst dich vergewaltigt. Denn der Körper fühlt nichts mehr, die Seele auch nicht. Aber du hast keine andere Wahl. Verstehst du? Das ist wie eine Dauervergewaltigung. Die Männer spüren das aber nicht, die glauben du bist erregt.

2007 wurde Viktoria von ihrem Mann und Zuhälter B. geschieden. Sie hatte bereits einen neuen Freund. Er hieß N., N. sollte ihr letzter Zuhälter sein.

N. konnte einen nicht beschützen, er war wie ein Welpe mit Milchzähnen. Bei meinem Exmann war das anders. Er hatte einen Namen. Vor ihn hatten alle Respekt. Bei N. ist es mir sogar passiert, dass mich jemand mit dem Revolver bedroht hat. Er wollte Geld. Er kam wie ein ‚normaler’ Freier auf mich zu, im Auto hielt er den Revolver auf mich. Ich sagte: Warte, beruhige dich, lass mich Fenster aufmachen, frische Luft hilft! Dann habe ich Türe aufgerissen und mich aus dem Auto gestürzt. Später habe ich erfahren, dass er fünf weitere Mädchen überfallen hat. Und da hat er wirklich Beute gemacht. Das war ungefähr 2009, kurz bevor ich ausgestiegen bin.

Wie ich ernsthaft angefangen habe ans Aussteigen zu denken, machte ich eine Art ‚Schocktherapie’: Ich bin absichtlich zum Westbahnhof gegangen und habe die Drogensüchtigen und Alkoholiker beobachtet. Ich habe zu mir gesagt: Viktoria, was willst du? Willst du so enden? Was fehlt dir? Bist du schiach? Nein! Du hast deine Kräfte noch, du hast zwei Hände, du bist gesund, kannst gehen, hast noch ein Gesicht – du kannst auch was anderes machen!

Bei N., meinem Ex-Freund, hatte ich oft nicht einmal genug Geld, dass ich mir was zum Essen kaufen konnte. Er hat zwar immer gesagt, ich könne mir etwas Geld behalten, aber am nächsten Tag ist er dann gekommen, dass er dringend was für das Auto, den Computer brauchte. Wenn ich einen guten Abend hatte, reichte es meistens nur, damit wir was zu essen hatten, der Rest ging für die Miete und seine Sachen drauf. Ich habe praktisch nie für mich gearbeitet. Als N. gerade im Gefängnis war – er hatte Parkmandate und Polizeistrafen ignoriert – bin ich mit meiner Katze bei einem Ex-Kunden untergetaucht. Das war’s.

Von dem Ex-Kunden ist sie mit Hilfe der Organisation „Herzwerk“, eine Initiative für Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel, nach Klagenfurt übersiedelt, wo sie einen Job als Reinigungsfrau fand. Es war wichtig für sie, Wien für eine Weile hinter sich zu lassen. Inzwischen lebt Viktoria wieder in Wien. Sie hat erstmals im Leben eine eigene kleine Wohnung.

Ich kann keinen Menschen mehr nah ertragen. Ich bin gern alleine in der Wohnung. Soziale Kontakte habe ich durch meine Kurse. Die Kurse helfen mir auch, dass ich weiß warum, wozu ich aufstehe, und dass ich raus komme. Aber wenn ich die Kurse nicht habe, dann schließe ich mich in der Wohnung ein.

Ich habe Zeiten gehabt, wo ich richtige Depressionen hatte. Jetzt wird es besser. Weil ich schaue, dass sich diese Traurigkeit nicht vertieft. Immer wenn ich mich eingrabe, sage ich zu mir: Oh! Oh! Jetzt wird es gefährlich! Pass auf, Viktoria! Deshalb habe ich so ‚Hilfsmethoden’ erfunden um nicht in eine Depression zu fallen. Ich lerne die Gebärdensprache. Ich habe mir Bücher dazu gekauft. Dadurch übe ich Konzentration und lerne Menschen bewusst anzusehen. Ich konnte keinen Augenkontakt mehr mit andern haben. Die Blindenschrift lerne ich auch. Ebenfalls wegen der Konzentration und um wieder etwas zu ‚spüren’, Gefühl zu bekommen – z.B. in den Fingerspitzen. Und wegen der Geduld. Und noch was habe ich mir beigebracht: das Lorm-Alphabet. Das ist für Menschen die blind und taub sind. Das Alphabet wird in die Hand getippt. Das hat auch mit Gefühl und Körperberührung zu tun.

Schlafen konnte ich auch lange nicht richtig. Inzwischen geht’s. Aber nur mit Licht. Mit Licht und Musik. Wenn noch jemand im Zimmer ist, geht es auch ohne Licht. Das ist alles wegen der Ängste die mich in der Nacht überfallen und noch aus der Kindheit stammen. Ich habe Angst, dass jemand in der Nacht in mein Zimmer kommt und unter meine Decke kriecht.

Das Interview wurde 2014 von der Journalistin Susanne Riegler geführt und erschien erstmals im ‚Gaismair-Jahrbuch 2015‘.