Unbequem bleiben, unbequem werden.

Sonja Pleßls Rede zum Internationalen Frauentag 2019 auf der FrauenLesbenMigrantinnenDemo in Wien.

Ich bin überzeugt, dass die Kraft der Frauenbewegung darin liegt, dass wir die Scherben, in die Frauenleben zerbrochen werden, zusammendenken.

Die türkisch-kurdische „Tegvera Jinén Azad“, „Freie Frauenbewegung“, hat in ihrer Erklärung vom 15. Februar 2019 verlautbart: „Während der 17 Jahre der AKP-Regierung hat die Gewalt gegen Frauen um 1500 Prozent zugenommen, der Missbrauch von und die Gewalt gegen Kinder in den letzten zehn Jahren allein um 700 Prozent, Vergewaltigungen um 499 Prozent, sexuelle Übergriffe um 434 Prozent, die Prostitution um 790 Prozent.“

Ganz selbstverständlich wird die Zunahme der Prostitution neben den anderen Kennzahlen als ein Zeichen der zunehmenden Entrechtung der Frauen genannt.

Ich bin von der österreichweiten Plattform Initiative Stopp Sexkauf, zu unseren Mitgliedern gehören SozialarbeiterInnen, die Jugendorganisation Light Up, Solwodi Österreich, direkt von Prostitution Betroffene.

In Österreich untersagt das Gesetz Asylwerberinnen noch immer Berufstätigkeit, erlaubt aber deren Prostituieren. Die Anzahl der Prostitutionsstätten ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Vor drei Jahren gab es nur zwei chinesische Prostitutionslokale, mittlerweile sind es 75 „Asia-Studios“. Im zweiten Bezirk werden Mädchen aus ungarischen Heimen auf den Spielplätzen prostituiert. Das sind die Spielplätze zwischen dem Kindergarten meiner Tochter und unserem Zuhause. Meine Tochter lernt „Forscherin, Ärztin und Meisterin“ zu sagen, aber sieht am Nachhauseweg, wie eine halbnackte Frau aus einer Tür tritt, und ein Mann, der den Kinderwagen schnell überholt, ihr das Geld nimmt. Meine Tochter sieht die weibliche Silhouette im Schaufenster und das Sektglas dazu. Und ihr Kindergartenfreund sieht das auch..

Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Leben frei von Gewalt, hörte ich gestern wieder im Radio anlässlich des internationalen Frauentages.

Nicht erwähnt in all diesen Berichten zu Gewalt an Frauen wurde die Gewalt an prostituierten Frauen. Sind prostituierte Frauen keine Frauen?

Wir hören in Österreich nichts von der Französin Rosen Hicher, die im Jahr 2014 800 Kilometer quer durch Frankreich für das Gesetz zur Abschaffung der Prostitution marschierte, Mutter von sechs Kindern, die 22 Jahre lang am eigenen Leib erlebte, was Prostitution heißt. Stefan Brändle ignoriert sie 2019 im Standard ebenso wie 2016, zitiert aber als „Prostituiertenorganisation“ und “Hauptbetroffene“ das Syndikat der Sexarbeit (Strass) – und er zitiert Patrick Pharo von der französischen Forschungszentrale CNRS, der meinte, Prostitution erlaube über die Zwänge des Eheregimes hinaus eine „Bereicherung der sexuellen Praktiken“.

Liebe Frauen! Widerstand beginnt mit der Sichtbarmachung der unbequemsten Frauen.

Die Überlebenden des Prostitutionssystems werden am 2. April die Dritte Weltkonferenz für die Abschaffung der Prostitution eröffnen, nach Frankreich und Indien diesmal in Deutschland, in Mainz, darunter Marie Merklinger und Sandra Norak aus Deutschland, Cherie Jimenez aus den USA, Marie Drouin aus Kanada, Amelia Tiganus aus Rumänien, Mickey Meji aus Südafrika.

Es gibt einen Grund, warum sich die Aussagen von Frauen in- und außerhalb der Prostitution fundamental unterscheiden. Rosen Hicher hat, als Prostituierte, noch für die Liberalisierung gesprochen.

Erst die Entkommenen, die Überlebenden haben die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung.

Was Verprügeln heißt, wird einer spätestens durch das Schicksal der nach Deutschland verschleppten Rumänin Ioana klar. Sie war, Mutter eines kleinen Kindes in Rumänien, 2014 von ihrem Zuhälter in Köln halbtot geprügelt worden.

Heuer im Jänner ist Ioana gestorben.

Sie kann nichts mehr erzählen.

Wir von Stopp Sexkauf kämpfen für die Abschaffung der Prostitution, das heißt für die Abschaffung des Freiertums, diese männliche sexuelle Anmaßung auf weibliche Körper. Abschaffung der Prostitution, bekannt als „Nordisches Modell“, bedeutet immer die völlige Entkriminalisierung von Prostituierten und umfassende Ausstiegsprogramme, Prävention in Schulen, Freierbestrafung.

Schweden, Norwegen, Island, Irland, Nordirland, Frankreich, Kanada, Israel haben sich bereits getraut, dieses uralte Männerprivileg Prostitution abzuschaffen.

Männer können sich an Gleichberechtigung gewöhnen. Sie können sich daran gewöhnen, so wie sich die einstigen Feudalherren daran gewöhnt haben, dass sie nicht mehr am Rücken von Indianern durch den Schlamm reiten können

Die menschliche Gesellschaft kann von Menschen verändert werden: In Frankreich haben sich in einer im Jänner dieses Jahres veröffentlichten Umfrage 78 Prozent der Befragten für das Sexkauf-Verbot ausgesprochen.

Liebe Frauen, bleibt unbequem, werdet unbequem!

Quellen:

Rojava Azadi, Informationen über die aktuelle Situation der Frauen in Kurdistan, 2.3.2019: https://rojavaazadimadrid.org/informe-sobre-la-situacion-actual-de-las-mujeres-en-kurdistan/

Der Standard, 8.2.2019: https://www.derstandard.at/story/2000097690111/frankreich-wird-ein-teures-pflaster-fuer-freier

Kurier, 29.5.2017: https://kurier.at/chronik/oesterreich/chinesen-uebernehmen-das-rotlicht/266.547.394

Der Standard, 6.4.2016: https://www.derstandard.at/story/2000034333017/frankreich-will-freier-buessen-lassen

  1. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen, Mainz 2019: Prostitution: Weder Sex noch Arbeit! https://www.capworldcongress.org/?lang=de

EMMA 26.1.2019: Iona hat nicht überlebt https://www.emma.de/artikel/ioana-hat-nicht-ueberlebt-336487

CAP Coalition Abolition Prostitution, Les Français et la Prostitution, Jänner 2019:http://www.cap-international.org/wp-content/uploads/2019/01/IPSOS_EnqueteFRprostitutionCAPintl.pdf